Soziale Schicht und Grundorientierung von
Milieus in Deutschland
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1. Konservatives gehobenes Milieu

Dieses Milieu, dessen Angehörige von Bildung und beruflicher Position her meist zur gehobenen Mittelschicht gehören, repräsentiert das konservative deutsche Bürgertum. Im Milieuvergleich findet sich hier der größte Anteil von älteren Menschen: 50% sind älter als 55 Jahre.

Die typischen Milieu-Vertreter - leitende Beamte und Angestellte, Freiberufler, Unternehmer - fühlen sich als gesellschaftliche Elite. Sie verstehen sich oft als Humanisten, als Bewahrer der Tradition und beklagen den Sittenverfall, den zunehmenden Materialismus, die Bindungslosigkeit und das Verschwinden traditioneller Werte wie Glaube, Pflichtbewußtsein, Engagement für die Gemeinschaft.

Sie legen großen Wert auf eine kultivierte Lebensart - im Rahmen geordneter, gutsituierter Verhältnisse; sie verabscheuen Radikalismus jeder Art und halten viel von Bildung und Kunst (Klassik). Sie lieben Bodenständigkeit, Naturverbundenheit, Harmonie. Alles Übertriebene, Künstliche, Oberflächliche ist ihnen zuwider; sie lieben das Echte, das Dezente, die gute Qualität.

Ein intaktes, harmonisches Familienleben ist in diesem Milieu ein zentraler Lebensinhalt. Die "klassische" Rollenteilung zwischen Mann und Frau ist dabei selbstverständlich und funktioniert in der Regel problemlos.

In der Freizeit sind die Angehörigen dieses Milieus sehr "rührig" - und bleiben es auch meist bis ins hohe Alter. Sie unternehmen gern etwas mit der ganzen Familie, nehmen intensiv am gesellschaftlichen Leben teil, geben Einladungen, sind kulturell vielseitig interessiert und aktiv.

Typisch für dieses Milieu ist das Streben nach einem sinnerfüllten, "ethisch wertvollen" Leben. Man engagiert sich sozial (besonders Frauen) für die Armen, die Alten usw., arbeitet ehrenamtlich in Vereinen, Verbänden, Initiativen.

Im Privaten wie im Beruf werden persönliche Leistung und Verantwortung sehr ernst genommen. Dazu gehört dann auch, überdurchschnittlichen materiellen Erfolg und soziales Ansehen zu erreichen. Um glücklich zu sein, brauchen die Angehörigen dieses Milieus einen "distinguierten Rahmen". Ist diese Bedingung erfüllt, sind sie meist mit ihrem Leben zufrieden, wollen nichts grundsätzlich verändern.

Trotz ihres hohen Lebensstandards geben sie sich oft bescheiden. Sie sagen: Zufriedenheit, Harmonie und familiäres Glück sind wichtiger als materielle Ansprüche. Zurück

 

2. Kleinbürgerliches Milieu

Eine Bemerkung vorab: Kleinbürger ist keinesfalls abwertend gemeint, sondern zu verstehen als eine etwas plakative Bezeichnung für die Lebensorientierung von fast einem Viertel der bundesrepublikanischen Bevölkerung.

Hinsichtlich der sozialen Lage repräsentiert dieses Milieu sozusagen die Mitte, den traditionellen Mainstream unserer Gesellschaft: mittlere Bildungsabschlüsse mittlere Einkommensgruppen viele kleine bis mittlere Angestellte und Beamte sowie kleine und mittlere Selbständige. Der Anteil von älteren Menschen ist auch in diesem Milieu sehr groß.

Die kleinbürgerliche Leib- und Magenphilosophie lautet: Man muß im Leben etwas Anständiges erreichen. Dazu muß man die gebotenen Möglichkeiten nutzen, denn: "Es fällt einem nichts in den Schoß" und "Jeder ist seines Glückes Schmied". Diese Lebenseinstellung führt dazu, daß die Personen dieses Milieus ständig beschäftigt sind, immer irgendwelche Ziele verfolgen. Im Vergleich zu anderen Milieus gönnen sie sich selten einmal die Zeit, etwas wirklich zu genießen.

Wenn man es im Beruf zu etwas gebracht hat, wenn das Eigenheim schuldenfrei ist und sich die Kinder vorteilhaft entwickeln, kann man zufrieden sein mit dem Erreichten, kann man einstimmen in das typische Credo dieses Milieus: Alles soll so bleiben wie es ist. Viele Kleinbürger erreichen dieses Lebensziel, bringen es mit Sparsamkeit und Mäßigung zu bescheidenem Wohlstand. Unrealistische Wünsche haben die Angehörigen dieses Milieus nicht.

Das Erreichte muß freilich abgesichert werden. Das gilt für jede Phase des Lebens: von einer soliden Berufsausbildung bis zur Sterbeversicherung. Das Streben nach Sicherheit prägt dieses Milieu wie kein anderes. Alterssicherung, Rücklagen, Besitz sind "bleibende Werte", die man letzten Endes für wichtiger hält als beruflichen Erfolg und gesellschaftlichen Aufstieg.

Die traditionellen Werte gelten den Kleinbürgern noch etwas: Ehrfurcht, Sauberkeit, Fleiß und Zielstrebigkeit werden hoch gehalten. Personen aus diesem Milieu haben wenig Verständnis für ungeordnete Verhältnisse, für allzu "Neumodisches", für "Ausgeflippte, Drückeberger und Traumtänzer".

Ebenso wie im Konservativen gehobenen Milieu legt man auch in diesem Milieu Wert auf ein geordnetes, harmonisches Familienleben. Besonders für die Frauen sind Heim und Familie die Mittelpunkte des Lebens, wo sie ihre Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Harmonie und Beständigkeit zu verwirklichen suchen. Aber auch für die Männer ist - neben finanziell abgesicherten Verhältnissen - ganz wichtig, daß man im Familienleben miteinander harmoniert.

Personen dieses Milieus sind häufig bestrebt, eine private Idylle aufzubauen (Briefmarken sammeln, Schrebergarten, Hobbywerken, Gesangverein etc.). Süßes Nichtstun ist verpönt. Diese Einstellung prägt auch die Gestaltung der Freizeit - nach dem Motto: Wer rastet, der rostet. Zurück

 

3. Traditionelles Arbeitermilieu

Der Name deutet es schon an: In diesem Milieu findet man überwiegend Arbeiter, und- bzw. angelernte ebenso wie Facharbeiter. Das bedeutet einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Personen mit kleinen bis mittleren Einkommen und niedriger Formalbildung. Das Milieu ist überaltert, hatte seinen "historischen Höhepunkt" in der Vergangenheit.

Die traditionelle Arbeiterkultur hat sich am stärksten noch in gewachsenen Arbeiterwohngebieten der großstädtischen Industriereviere (z.B. Ruhrgebiet, Saarland, Mannheim/Ludwigshafen, Hamburg) erhalten. Viel Kontakt mit den Nachbarn, den Kollegen, gesellige Freizeit im Schrebergarten, in der Eckkneipe, im Kleintierzüchter- oder Schützenverein sind typisch. Der einzelne ist nicht isoliert und anonym, sondern fühlt sich solidarisch eingebunden in der Verwandtschaft, der Nachbarschaft, im Kollegenkreis. Gerechtigkeit und Menschenwürde in der Arbeitswelt sind dementsprechend wichtige Werte.

Charakteristisch für das Milieu ist eine nüchterne, pragmatische Lebenseinstellung: Man arbeitet, um zu leben. Man muß sich nach seiner eigenen Decke strecken, sich mit den gegebenen Möglichkeiten arrangieren. Viel ändern kann man doch nicht. Dabei helfen die in diesem Milieu stark ausgeprägten Tugenden Sparsamkeit, Disziplin und Pflichtbewußtsein. Die Ansprüche übersteigen selten die finanziellen Möglichkeiten. Das Wichtigste ist, daß man sein Auskommen hat, einen befriedigenden Lebensstandard und daß die Familie abgesichert ist. Dann ist man auch in aller Regel zufrieden.

Materielle Sicherheit steht im Traditionellen Arbeitermilieu hoch im Kurs. Eine gesicherte Altersversorgung, ein sicherer Arbeitsplatz sind noch wichtiger als die Möglichkeit, sich einiges leisten zu können (z. B. einen Mittelklasse-Wagen oder einen Badeurlaub in Spanien) - obwohl auch das zu einem befriedigenden Lebensstandard gehört. Sicherheit hat für die Traditionellen Arbeiter weitaus größere Bedeutung als beruflicher und gesellschaftlicher Aufstieg. Der liegt in der Regel außerhalb ihrer Erwartungen. Mehr noch: Man betrachtet das sehr skeptisch. Der Verlust angestammter Bindungen - auch als Folge sozialen Aufstiegs - wird als existentielles Risiko erlebt.

Die Weltsicht dieses Milieus ist selten von überzogenen Ansprüchen oder Wunschdenken getrübt. So macht man sich auch in bezug auf die Familie wenig Illusionen. Man braucht geordnete Verhältnisse, in denen man Ruhe, Erholung und Geborgenheit findet. Die Arbeiterfamilie ist mehr eine Solidargemeinschaft als eine "Glücksgemeinschaft". Die Rollen sind traditionell verteilt. Meist ist der Mann als alleiniger Ernährer unangefochtenes Familienoberhaupt.

Bei aller Nüchternheit sind die Angehörigen dieses Milieus stolz auf ihre Herkunft, auf ihre Arbeitsleistungen und vor allem auf den erreichten Lebensstandard, den sie sich aus eigener Kraft geschaffen haben und den sie keinesfalls durch irgendwelche sozialen oder politischen Experimente aufs Spiel gesetzt wissen wollen. Zurück

 

4. Traditionslosers Arbeitermilieu

Die Personen dieses Milieus stehen in der sozialen Hierarchie weit unten. Nur Randgruppen haben einen noch geringeren Status. In diesem Milieu häufen sich soziale Benachteiligungen: Bildungs- und Ausbildungsdefizite, hoher Anteil von Arbeitslosen, geringe Einkommen, unqualifizierte berufliche Tätigkeiten.

Weil man nicht viel hat und weil auch wenig Chancen für finanzielle, berufliche und soziale Verbesserungen bestehen, sind die Angehörigen dieses Milieus mit ihrer Lebenssituation oft unzufrieden. Die Verhältnisse sind klar: Man hat nichts gelernt, keine speziellen beruflichen Kenntnisse - Aufstiegsmöglichkeiten gibt es daher so gut wie nicht. Arbeit bedeutet eher Mühsal und Belastung, die aus purer Notwendigkeit ertragen wird und der man sich immer mal wieder entzieht (Krankfeiern, öfter mal ein neuer Job).

Um diese Situation ertragen zu können, findet man sich damit ab und konzentriert seine Lebensansprüche auf den privaten Bereich, auf Geld und Konsum. Probleme werden abgewehrt - oft regelrecht "zugeschüttet" (übermäßiges Essen, Alkohol). Man läßt alles auf sich zukommen und macht sich über die Zukunft möglichst wenig Gedanken.

In diesem Milieu herrscht ein ausgeprägter Materialismus. Die Menschen werden vor allem danach beurteilt, was sie haben. Man legt großen Wert auf Äußerlichkeiten: großes Auto, attraktives Aussehen, chice modische Kleidung. Materielle Sicherheit ist zwar wichtig, oft wird jedoch das wenige Geld - ohne Rücksicht auf Notwendigkeiten - für kurzfristigen Konsum und Vergnügungen ausgegeben.

Konsumgüter werden zu Lebenszielen, und oft dient dieses "Von-derHand-in-den-Mund"-Leben dazu, die Enttäuschungen des Alltags zu lindern, Probleme abzuwehren.

Der geringe Verdienst wird dabei oft als aufgezwungener Konsumverzicht erlebt. Die schlechte Bezahlung steht - nach Auffassung der meisten Traditionslosen Arbeiter - in keinem Verhältnis zur geforderten Leistung und den gesundheitlichen Risiken, die der Beruf mit sich bringt. Das führt leicht zu einem typischen ,Underdog -Bewußtsein ( "Als Arbeiter ist man doch nur der letzte Dreck").

Oft leidet auch das Familienleben unter der finanziellen Enge. Besonders die Frauen leiden unter den Verhältnissen, unter den starren Rollenauffassungen der Männer, die wenigstens zu Hause etwas zu sagen haben wollen. Dies führt nicht selten zu Streit und Gewalttätigkeiten. Auch in der Nachbarschaft und im Kollegenkreis gibt es oft keinen Zusammenhalt. So zieht man sich in den privaten Bereich zurück und lebt nach dem Motto: "Jeder ist sich selbst der Nächste". Zurück

 

5. Neues Arbeitnehmermilieu

Das Neue Arbeitnehmermilieu ist das jüngste im Milieuvergleich - sowohl in der Altersstruktur (drei Viertel sind unter 35 Jahren) - wie auch historisch. Bedingt durch industriegesellschaftliche Veränderungen (neue Technologien, neue Berufsprofile in den Schrittmacherindustrien), durch die rasante Zunahme mittlerer und gehobener Bildungsabschlüsse und durch die Sogwirkung des Wertewandels auf die junge Generation in der unteren Mitte der westdeutschen Gesellschaft, entstand im Zentrum des modernen, hedonistisch geprägten Mainstream eine neue Lebenswelt.

Die Angehörigen dieses Milieus haben meist eine mittlere Formalbildung (typisch: Fachabitur) und sind, wenn sie nicht gerade eine berufsvorbereitende oder weiterqualifizierende Ausbildung absolvieren, häufig in High-Tech-Betrieben (z. B. Produktionsvorbereitung, Produktionskontrolle) oder in modernen Dienstleistungs- und Sozialberufen (z. B. EDV-Assistentin, Software-Entwickler, MTA, Sozialpädagoge) tätig.

Ihr Ziel ist ein selbstbestimmtes, möglichst angenehmes Leben - ohne allzu viel Streß und ohne materiellen Verzicht. Dazu gehört eine Arbeit, die Spaß macht, die sinnvoll ist und die angemessen bezahlt wird, damit man sich leisten kann, was einem gefällt. Und dazu gehört auch genug Freizeit, um Spaß zu haben (z. B. Ausgehen, Sport treiben, Veranstaltungen besuchen, Feste feiern) und um sich zurückziehen und erholen zu können (z. B. Malen, Lesen, Fernsehen, am Motorrad oder PC tüfteln).

Das Anspruchsniveau der Milieuangehörigen ist allerdings flexibel. Sie sind ausgesprochene Realisten, lassen sich nicht von abstrakten Idealen leiten, sondern handeln nach ihren Bedürfnissen und suchen den Kompromiß mit den alltäglichen Notwendigkeiten.

Obwohl sie ein ausgeprägtes Leistungsethos haben (verbunden mit der Bereitschaft, sich ständig weiter zu qualifizieren) und hohe Ansprüche an sich selbst und ihre Arbeit stellen, streben sie meist nur einen begrenzten Aufstieg aus der Enge ihres (proletarischen) Herkunftsmilieus an. Der Anspruch auf Freizeit, Lebenslust und Genuß wird der Berufsarbeit nicht untergeordnet.

Charakteristisch für dieses Milieu ist gerade, daß Beruf, Partnerschaft, Freizeit und Gemeinschaftserleben gleichrangige Lebensziele sind. Dazu kommt eine grundsätzliche Offenheit anderen Lebensweisen und Erfahrungen gegenüber: Man möchte Neues ausprobieren, den eigenen Horizont erweitern, viele verschiedene Dinge nebeneinander tun -jedenfalls "nicht stehenbleiben".

Die Angehörigen dieses Milieus streben enge Partnerverbindungen an -entsprechend dem konventionellen Zwei-Stufen-Modell: zunächst gemeinsam das Leben genießen (mit oder ohne Trauschein), dann Familiengründung und Kinder. Vor allem die Frauen erwarten eine partnerschaftliche Teilung der Familienarbeit, was jedoch nur selten wirklich realisiert wird. Das Verhältnis der Geschlechter wird aber in diesem Milieu längst nicht so stark problematisiert wie in anderen Lebenswelten. Die Vorstellungen von Männern und Frauen lassen sich im Alltag zumeist pragmatisch ausgleichen.

Der Lebens- und Konsumstil in diesem Milieu ist von einem konventionellen Modernismus geprägt. Man schätzt zurückhaltende, gediegen-moderne Designs lehnt Stilübertreibungen und "starke Reize ,aber auch den altdeutsch spießigen" Geschmack des Herkunftsmilieus ab. Das Geld, das man verdient, gibt man auch gerne aus. Spontane Belohnungskäufe leistet man sich ohne Reue. Man möchte nicht auf den Pfennig achten" müssen, um sich seine Flexibilität zu erhalten aber auch nicht allzu weit im Vorgriff leben. Größere Anschaffungen werden daher meist sorgfältig geplant. Man prüft und vergleicht gerne, nicht selten mit großem Sachverstand; denn Konsum soll nicht nur Freude bereiten, sondern auch "vernünftig" und "sinnvoll" sein. Zurück

 

6. Aufstiegsorientiertes Milieu

Der Millionar, der als Tellerwäscher begonnen hat - dieser Urtyp des Aufsteigers aus grauer Vorzeit - ist sicher kein aktuelles Leitbild in diesem Milieu. Doch das zugrunde liegende Karrieremuster - mit eigener Kraft den Aufstieg aus kleinen Verhältnissen zu schaffen - ist voll akzeptiert. Ansichten wie: "Jeder ist zum Erfolg geboren" oder "Erfolg ist eine Sache richtiger Planung" sind in diesem Milieu weit verbreitet. Auch der Aufsteiger der 90er Jahre will mehr im Leben erreichen als die Eltern, die Kollegen die Nachbarn.

Für dieses zentrale Lebensziel ist der Aufstiegsorientierte bereit, große persönliche Opfer zu bringen. Er bildet sich beruflich weiter schränkt das Privatleben ein, nimmt wenig Rücksicht auf seine Gesundheit. Selbst das Familienleben ist ihm letztlich weniger wichtig als der berufliche und soziale Aufstieg.

Wer soviel in den Aufstieg investiert, der will die erkämpften Lorbeeren auch vorzeigen, will sich mit den Erfolgsinsignien unserer Konsumgesellschaft schmücken. Der Aufstiegsorientierte ist stolz, daß er sich Haus, dickes Auto, teure Kleidung und exklusive Hobbys leisten kann. Um hohen Lebensstandard zu demonstrieren, umgibt er sich gern mit Produkten, deren Markenimages erwiesenermaßen Prestige garantieren und die weithin akzeptiert sind. Denn er möchte zwar aus der Masse herausragen, aber auf keinen Fall durch Extravaganzen unangenehm auffallen und damit vielleicht einen Karriereknick riskieren. Karriere machen wird ohnehin immer schwerer, was viele Aufstiegsorientierte sehr beunruhigt, auch wenn sie das natürlich zu verbergen suchen. "So tun als ob" (nichts wäre) ist eine unausgesprochene Parole, an die sich viele zu halten scheinen.

Der auf effektives Denken und Handeln getrimmte Aufsteiger versucht auch sein Familienleben nach möglichst "vernünftigen" und rationalen Grundsätzen zu regeln. Die Familie bzw. die Partnerschaft soll ein Schonraum sein, wo man sich vom harten Berufsalltag erholen kann, wo man keinen Zwängen unterworfen ist, wo man keine zusätzlichen Belastungen hat. Reibungsloses Funktionieren ist daher ein wichtiger Anspruch an das Familienleben in diesem Milieu.

Dazu im Widerspruch steht der Emanzinationsanspruch der Frauen, die es trotz gewisser Ansätze zu partnerschaftlicher Rollenteilung nicht mehr akzeptieren, als Hausfrauen und Mütter nur die Berufskarriere ihrer Männer abzusichern. Gerade jüngere Frauen in diesem Milieu entwickeln selbst (gemäßigte) Aufstiegsorientierungen, sie zieht es selbst ins Berufsleben, ihnen genügt oft nicht mehr, nur ihre Männer zu motivieren.

Die Folge ist häufig "Emanzipationsstreß". Man versucht, die modernen Normen Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung zwar zu erfüllen - die traditionell geprägten Rollenbilder und psychosexuellen Bedürfnisse stehen dem aber meist entgegen. Zurück

 

7. Technokratisch-liberales Milieu

Etwas salopp könnte man sagen: Die Technokratisch-Liberalen sind dort, wo die meisten Aufstiegsorientierten gern hin wollen. Sie haben zumeist anerkannte und gutdotierte Positionen (leitende Angestellte, Selbständige und Freiberufler), und sie zelebrieren einen gehobenen, teilweise ausgesprochen exklusiven Lebensstil.

Nun sind die Startbedingungen für die eigene Karriere in diesem Milieu in aller Regel auch sehr viel besser als in den meisten anderen Lebenswelten. Man fängt nicht unten an, sondern beginnt auf einer soliden, von Elternhaus und guter, oft akademischer Ausbildung geschaffenen Plattform. Erfolg und Sozialprestige sind in diesem Milieu für Männer und Frauen nachgerade etwas Selbstverständliches.

Das heißt nun nicht, daß den Technokratisch-Liberaien alles in den Schoß fiele. Sie haben eine große Leistungsbereitschaft und viel Durchsetzungsvermögen. Sie versuchen allerdings auch das Erfolgs- und Karrierestreben nicht in Verbissenheit ausarten zu lassen. Worauf es ihnen letztlich ankommt, ist ein möglichst angenehmes, unproblematisches Leben zu führen (manche geben das sogar offen zu).

Gerade die Erfolgreichen dieses Milieus gestatten sich hin und wieder Flucht- und Aussteigergedanken: "Alles hinschmeißen", ein ganz neues Leben anfangen. Doch zum großen Ausstieg kommt es fast nie: Ein Segelschiff, ein Off-road-Auto, ein Landhaus in der Toscana (wer es sich leisten kann) und die vielen kommerziellen Fluchtangebote der Freizeitindustrie tun es auch. Letzten Endes geht es den meisten Technokratisch Liberalen auch viel zu gut, als daß sie grundlegende Veränderungen herbeisehnen wollten.

Wenn sie Gedanken aus dem alternativen Lager aufgreifen und kolportieren (neben dem Ausstiegsthema vor allem bestimmte Endzeitphantasien), so geschieht das vornehmlich in der Absicht, sich auch auf diesem Terrain als eine Art "Zeitgeistavantgarde" zu bewegen.

Wirkliches Avantgardebewußtsein legen die Angehörigen dieses Milieus an den Tag, wenn es darum geht, neue Modeströmungen aufzugreifen, wenn nicht gar zu kreieren. Wir haben es hier mit einem richtigen "Trendsetter Milieu" zu tun. Neue Einrichtungsstile, Kleidermoden, Freßwellen, Urlaubsziele usw. werden häufig zuerst in diesem Milieu propagiert und praktiziert.

Die Lust am Neuen und das ausgeprägte Bedürfnis nach Selbstdarstellung beim typischen Technokratisch-Liberalen lassen sich auf diese Weise hervorragend kombinieren. Die Selbstdarstellung und Selbstprofilierung erfolgt in der Regel mit subtilen Methoden: Durch Understatement abgefedert, läßt man seine Kennerschaft auf vielen Gebieten, die das Leben schön und lebenswert machen, durchblicken.

An das Familienleben stellt man den Anspruch, daß es möglichst unverkrampft und zwanglos funktioniert. Man ist tolerant, Mann und Frau leben oft sehr selbständig, haben ihren eigenen Beruf und ihren eigenen Bekanntenkreis. Zurück

 

8. Hedonistisches Milieu

Das Hedonistische Milieu ist ein junges Milieu: Fast zwei Drittel sind jünger als 40 Jahre. Alle sozialen Schichten und Bildungsgruppen sind vertreten - vom Jungakademiker bis zum arbeitslosen Skin.

Die Arbeit und die Arbeitswelt lieben sie alle nicht besonders. Sie leiden einerseits unter der "Unpersönlichkeit" und "Inhaltsleere" des Arbeitslebens, haben aber auch andererseits keine Lust, sich für beruflichen Erfolg und sozialen Aufstieg "kaputtzumachen". Arbeit ist ein notwendiges Übel, wenn möglich, entzieht man sich ihr. Das soll nicht heißen, daß die Angehörigen dieses Milieus von der Konsumwelt nichts hielten. Sie haben bloß keine Lust, sich dafür anzustrengen.

Sie träumen von Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung, von einer Tätigkeit, die interessant ist, "kreativ", die Spaß macht und die dazu möglichst gut bezahlt wird. Häufig werden große Pläne gemacht, die aber selten ausgeführt werden. Man fängt etwas an, läßt es dann - wenn Schwierigkeiten auftauchen - bald wieder sein.

"Leben" findet deshalb fast ausschließlich in der Freizeit, nach Feierabend statt. Man ist viel mit Gleichgesinnten zusammen, bevorzugt das Leben in der Gruppe. Die sozialen Kontakte sind aber oft sehr locker und unverbindlich. Auch in bezug auf Ehe und Partnerschaft ist man selten bereit (bzw. seelisch nicht immer dazu in der Lage), sich fest zu binden.

Die typischen Vertreter des Hedonistischen Milieus wehren sich gegen alle Zwänge: Elternhaus, Beruf, Konventionen. Alles, was man tut, soll in erster Linie Spaß machen ( "Don,t worry, be happy"). Hedonistische Einstellung heißt: Streben nach Genuß, Wunsch nach Abwechslung und Zerstreuung, Suche nach "intensivem Leben" und starken Reizen - bis hin zur tabuverletzenden neuen Lust an der Gewalt.

Die Angehörigen dieses Milieus leben ganz im Hier und Jetzt. Sie haben keine stabilen Ziele und moralischen Prinzipien. Scheinbar festgefügte religiöse oder politische Überzeugungen werden ebenso schnell ausgetauscht wie Freizeit-Trends und Konsummoden. Stilistische Ansprüche sind in diesem Milieu besonders wichtig ( "action", "coolness", Provokation). Man möchte originell sein, individuell, "echt": vom Musiktrip über die Lebens- und Liebesgewohnheiten bis zur bevorzugten Jeansmarke oder Hamburger-Kette. Zurück

 

9. Alternatives Milieu

Wenn man nur die wirklich alternativ lebenden und (vor allem) arbeitenden Leute zusammenzählte, wäre das Milieu noch viel kleiner, als es ohnehin schon ist. Echte Aussteiger, die erfolgreich eine alternative Karriere aufbauen, sind also eine Minderheit. Doch was die wenigen Ökobauern, die kleine Gruppe der in selbstverwalteten, umweltfreundlich produzierenden Betrieben arbeitenden Menschen geschafft haben, regt die Phantasien und Sehnsüchte der anderen an und wirkt über die Milieugrenzen hinaus.

Das Schlagwort von der "Selbstverwirklichung" hat in diesem Milieu einen magischen Klang. Alle reden und träumen von kreativen, gesellschaftlich wertvollen Tätigkeiten in Beruf und Freizeit, legen großen Wert auf vielfältige soziale Beziehungen, auf "Kommunikation" und Mitmenschlichkeit.

Da diese weitgespannten Hoffnungen und Ansprüche in der rauhen Wirklichkeit allenfalls ansatzweise eingelöst werden können, versucht man der "seelenlosen" Beton- und Plastikwelt wenigstens alternative Idyllen abzutrotzen. Schwärmerische Vorstellungen vom "echten und natürlichen" Leben finden ihren konkreten Ausdruck in alternativen Ernährungsweisen, der Bevorzugung alles Selbstgemachten (von Kleidern bis Möbeln) und stilisierter Konsumaskese. Immerhin sind einige dieser Vorstellungen und Verhaltensweisen - wenn auch in anderer ideologischer Verpackung - in die Konsum- und Lebensstile anderer Milieus eingeflossen.

Familienleben und Partnerschaft sind oft von "Beziehungsproblemen" belastet. Die Frauen - in abgeschwächter Form auch die Männer - sind emanzipationsorientiert, wollen sich von der alten Geschlechterrolle lösen.

In der Freizeit versucht man, sich kreativ-künstlerisch und auch politisch zu betätigen, bleibt aber in der Regel unter sich, im Alternativen Milieu.

Was alle Milieu-Angehörigen eint, ist die kritische Einstellung zu unserer Gesellschaft, deren Selbstvernichtung man vor Augen sieht, wenn keine radikale Umkehr beim Umweltschutz oder in der Dritte-Welt-Politik erfolgt. Auch in der Ablehnung des Materialismus ist man sich einig. Das "sinnentleerte Streben nach Geld, Erfolg, Prestige wird oft in harten Worten verurteilt und als "Konsumterror" gebrandmarkt. Zurück

 

Quelle: Flaig, Meyer, Ueltzhöffer, Alltagsästhetik und politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension politischer Bildung und politischer Kommunikation. Bonn 1993