aus: Nachtwachen von Bonaventura

Ich wußte wohl, wer da so hoch in den Lüften regierte; es war ein verunglückter Poet, der nur in der Nacht wachte, weil dann seine Gläubiger schliefen und die Musen allein nicht zu den letzten gehörten.

Ich konnte mich nicht entbrechen, folgende Standrede an ihn zu halten:

,,0 du, der du da oben dich herumtreibst, ich verstehe dich wohl, denn ich war einst deinesgleichen!. Aber ich habe diese Beschäftigung aufgegeben gegen ein ehrliches Handwerk, das seinen Mann ernährt, und das für denjenigen, der sie darin aufzufinden weiß, doch keineswegs ganz ohne Poesie ist. Ich bin dir gleichsam wie ein satirischer Stentor in den Weg gestellt, und unterbreche deine Träume von Unsterblichkeit, die du da oben in der Luft träumst, hier unten auf der Erde regelmäßig durch die Erinnerung an die Zeit und Vergänglichkeit. Nachtwächter sind wir zwar beide; schade nur dass dir deine Nachtwachen in dieser kalt-prosaischen Zeit nichts einbringen, indes die meinigen doch immer ein übriges abwerfen. Als ich noch in der Nacht poesierte, wie du, mußte ich hungern, wie du, und sang tauben Ohren; das letzte tue ich zwar noch jetzt, aber man bezahlt mich dafür. 0 Freund Poet, wer jetzt leben will, der darf nicht dichten! Ist dir aber das Singen angeboten und kannst du es durchaus nicht unterlassen, nun, so werde Nachtwächter, wie ich, das ist noch der einzige solide Posten, wo es bezahlt wird, und man dich nicht dabei verhungern lässt.

- Gute Nacht, Bruder Poet."

(Bonaventura ist zugleich auch der Deckname des Verfassers der "Nachtwachen" aus dem Jahre 1805, in dem man Schelling, C. Bretano, E.A.T. Hoffmann und G.F.Wetzel vermutet.)

weiterer Literaturhinweis zum Thema Nachtwächter::
Lehmann, Lutz. Der Nachtwächter - Zur Sozialgeschichte eines geächteten Berufes, Diplomarbeit am Fachbereich Sozialpädagogik, Fachhochschule Hildesheim/Holzminden 8/1996 (bisher unveröffentlicht).

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